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Europa ist kein Paradies

9. Kirchliches Filmfestival eröffnete mit dem Flüchtlings-Dokumentarfilm "Eldorado"
Europa ist kein Paradies

Regisseur Markus Imhoof stellte sich nach der Filmvorführung den Fragen seines Publikums im „Cineworld“ Recklinghausen

RECKLINGHAUSEN - Etwa 150.000 Flüchtlinge hat die italienische Marine der Seenotrettungs-Operation „Mare Nostrum“ in den Jahren 2013 und 2014 aus den libyschen Gewässern gezogen und gerettet. Frauen, Kinder, Männer. Die meisten kommen aus Libyen, Syrien, Eritrea und Somalia. Wie viele in den letzten 15 Jahren nicht gerettet werden konnten, darüber gibt es nur Schätzungen: zwischen 25.000 und 80.000. Das Mittelmeer ist zu einem Flüchtlingsgrab geworden. Und ein Ort, an dem sich entscheidet, ob die Europäische Union es schafft, sich ihrer humanen Verantwortung für die vor Krieg, Gewalt und Umweltzerstörung Geflüchteten bewusst zu werden und entsprechend zu handeln.

Der Schweizer Regisseur Markus Imhoof hat in früher Kindheit eigene Erfahrungen zum Thema gemacht: „Ich war vier, als Giovanna zu uns kam“, erzählte der 76-Jährige. Das italienische Flüchtlingskind wurde in seine Familie aufgenommen und von seinen Eltern gesund gepflegt. Für das Mädchen war die Schweiz das Paradies, aus dem es allerdings zeitweise wegen schwieriger politischer Konstellationen fliehen musste. „Sie starb mit 15, das vergißt man nicht“, sagte Imhoof.

Mit seinem Flüchtlingsdokumentarfilm begibt sich Imhoof auf die Spuren Giovannas. Schon die Eingangssequenz aus der Perspektive der Rettungskräfte geht einem unter die Haut, setzt sich im Kopf fest: auf hoher See und schwankendem Untergrund fängt das suchende Kameraobjektiv ein paar dunkle Flächen und Punkte auf hoher See ein. Beim Heranzoomen wird klar, dass es sich um ein Flüchtlingsboot voll mit Menschen handelt, von denen einige bereits über Bord gegangen sind und um ihr Überleben kämpfen.

 „Am gefährlichsten wird es, wenn alle aus dem Boot wollen, denn die meisten können nicht schwimmen“, schilderte Imhoof die Situation beim Andocken. „Ich kann nicht helfen, ich bin zu schwach“, bedauerte der 76jährigen Schweizer Filmemacher. Aber mit der Kamera gelingen ihm Bilder, die im Gedächtnis haften bleiben wie Blei: von Entbehrung und Leid gezeichnete dunkelgraue Gesichter, halbnackte Füße ohne Schuhe, notdürftig behandelte Wunden, kreuz und quer auf dem Schiffsdeck liegende Menschen, umhüllt von goldenen Aluminiumdecken. Für sie sei Europa - wie damals für Giovanna die Schweiz - das Paradies, als sie ihre Heimat verließen, sagte Imhoof.

„Es geht um unsere weiße Sicht. Die Glücklichen verwalten die anderen“, stellte Imhoof klar. Nicht die versteckte Kamera mit den Aufnahmen in Flüchtlingsghettos und bei der Schwarzarbeit und das damit verbundene hohe Risiko im Falle der Entdeckung sei das Problem gewesen. „Das Schwierigste war es, Türen aufzukriegen und die Behördenleiter zum Interview zu bekommen. Wer möchte schon, dass die Leute erfahren, was der Staat mit dem Geld von der Europäischen Union wirklich macht?“

„Auf lange Sicht müssen wir aus dem Kolonialismus und der Sklaverei raus. Es braucht eine Art Marshallplan, zu dem auch Afrika gehört“, forderte Imhoof. Die Europäische Union finanziere Gefängnisse, in denen Frauen vergewaltigt würden - „und niemand will Verantwortung übernehmen“, so der Filmemacher. Die Kirchen hingegen lobte er für ihre klare Positionierung für die Flüchtlinge und die vielfältigen Hilfsangebote und Impulse der vielen ehrenamtlich Tätigen vor Ort.

Für ein engagiertes Miteinander von Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft warb Bürgermeister Christoph Tesche bei seinem Grußwort. Der Eröffnungsfilm sei ein eindrücklicher „Appell an die Menschlichkeit“ und Empathie, um die herrschende Hartherzigkeit und den Bürokratismus in ihre Grenzen zu verweisen.

Mit ihrer jeweiligen Botschaft „bauen die Filmschaffenden eine Brücke zwischen dem Medium Film und der Wirklichkeit“, betonte Superintendentin Katrin Göckenjan und verwies auf das Motto der zeitgleich stattfindenden „Woche der Brüderlichkeit beziehungsweise Geschwisterlichkeit“: „Angst überwinden und Brücken bauen“ sei die gemeinsame Aufgabe mit den Filmemachern. „Den Himmel im Blick haben. Die Brücken zwischen Menschen stark machen, darum muß es gehen, in diesen Zeiten ganz besonders!“

Probst Jürgen Quante erinnerte an die Bedeutung von Filmen als Leitmedium für die Bildung und für die Identitätsentwicklung. Weihbischof Dieter Geerlings verwies abschließend auf den unauflöslichen Zusammenhang von Fremdheit, Flucht und Gastfreundschaft, wie er in der Bibel als Feld der Begegnung mit Gott beschrieben werde: „Der Flüchtling ist auch immer der Flüchtling in uns. Der Fremde ist auch immer der Fremde in uns.“GH

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