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Interview der Superintendentin zum Thema Reformation

Der Stadtspiegel hatte für seine aktuelle Ausgabe ein paar persönliche Fragen zum Reformationstag an Katrin Göckenjan. Hier sind ihre Antworten.
Interview der Superintendentin zum Thema Reformation

"Tritt frisch auf - tu's Maul auf - hör' bald auf!" - Superintendentin Katrin Göckenjan mag klare Ansagen und verschenkt an Gruselfiguren zu Halloween gerne Lutherbonbons- und kekse.

Stadtspiegel: „Glaube ohne Liebe ist nichts wert“, hat Martin Luther gesagt. 500 Jahre Reformation, das wird auch im Kreis Recklinghausen groß gefeiert, zentral am 31. Oktober um 11 Uhr mit einem Festgottesdienst in der Christuskirche. Nicht nur darüber weiß Superintendentin Katrin Göckenjan mehr.

Ein Spielzeughersteller hat weltweit einen Verkaufsknüller gelandet: Martin Luther als Plastikfigur. Haben Sie auch eins gekauft oder geschenkt bekommen?

Katrin Göckenjan: Ja, ich habe auf der Synode unserer Landeskirche eine Lutherfigur geschenkt bekommen.

Mir gefällt an ihr der spielerische Zugang zur Person und zur Botschaft Martin Luthers und der Reformation. Man kann die Figur sehr gut als witzigen Gesprächseinstieg nutzen.

In einer unserer Gemeinden (Oer-Erkenschwick) haben die Verantwortlichen 500 Lutherfiguren in einer großen Aktion verschenkt. Sie sind dabei mit den Menschen darüber ins Gespräch gekommen, was es für sie bedeutet, evangelischer Christ beziehungsweise Christin zu sein und warum Luther heute aktuell ist.

Luther als Person ist bis heute eine Projektionsfläche für viele Wünsche und Erwartungen. Das ist seit 500 Jahren so. Sehr gut zeigt das unsere aktuelle Ausstellung „Luther im Visier der Bilder“ im Institut für Stadtgeschichte in der Hohenzollernstraße 12.

Die evangelische Kirche in Deutschland hat zehn Jahre Vorbereitung auf das Luther-Jahr geleistet. Ist es auch in unserem Kirchenkreis eine Mammutaufgabe?

Es war gut, die Vorbereitungen auf 10 Jahre zu verteilen. So konnten wir uns Jahr für Jahr auf jeweils einen Aspekt der Reformation konzentrieren. Nicht nur in unserem Kirchenkreis, sondern in vielen Bereichen unserer Gesellschaft haben sich Menschen über eine längere Zeit intensiv mit dem reformatorischen Erbe auseinandergesetzt. Dabei haben manche Themen zu neuen Einsichten und Aktionen geführt. Ich denke z.B. an Tauffeste. Die Idee ist im „Jahr der Taufe“ (2011)  entstanden. Tauffeste werden inzwischen in größeren Abständen an vielen Orten gefeiert, auch in unseren Gemeinen im Kirchenkreis. Viele Familien, die ihre Kinder sonst nicht taufen lassen würden, komme gerne zu diesen, offenen, einladenden Veranstaltungen. Ein zweites Beispiel: „Reformation und die Eine Welt“ im vergangenen Jahr. Wir konnten Partner aus Tansania, Russland, Italien, Guatemala hier begrüßen. Alle, auch unsere Gäste, waren berührt davon, wie reich uns unsere Beziehungen miteinander machen.

Nach dem intensiven Jubiläumsjahr werden wir daran gehen, gemeinsam mit den Partnern in der Ökumene  weiter an der Erneuerung unserer Kirchen zu arbeiten. Wir brauchen sie, damit bei den Menschen von heute die gute Nachricht von Gottes Liebe zu allen Menschen ankommt.

Welche Missstände würde Martin Luther in unserer heutigen Zeit anprangern?

Martin Luther würde uns raten, „dem Volk aufs Maul“ zu schauen, damit unsere Gottesdienste den Menschen wieder verständlicher werden.

Er würde uns, der Kirche, raten, uns nicht um uns selbst zu sorgen. Sondern ganz und gar, mitten im Leben der Leute unterwegs zu sein.

Martin Luther würde sich für die Rechte von Kindern – vor allem – in der Bildung einsetzen. „Wenn du ein Kind siehst, hast du Gott auf frischer Tat ertappt“ hat er gesagt. Zu seiner Zeit hat Luther entscheidend dazu beigetragen, dass alle Kinder Zugang zur Schulbildung bekommen. Wir sehen heute eine eigene Verpflichtung und eine dringende Verpflichtung aller gesellschaftlichen Kräfte, Kinder nicht abzuhängen, sondern sie in die Mitte der politischen Bemühungen zu stellen. Hier bei uns. Und weltweit sowieso.

Dass Bildung kein Privileg sein darf, sondern ein Menschenrecht ist, diese Erkenntnis haben wir auch dem Reformator zu verdanken. Warum setzt sich die EKD auch deshalb nicht dafür ein, dass der Reformationstag dauerhaft deutschlandweit zum gesetzlichen Feiertag erklärt wird?

Es ist aus meiner Sicht ein Erfolg, dass die EKD gemeinsam mit anderen gesellschaftlichen Kräften, auch der Politik, mit dem diesjährigen Reformationstag als arbeitsfreiem Tag ein Zeichen setzen konnte. Es geht an diesem Tag um die besondere Bedeutung von Freiheit. Wirklich frei sind wir erst vor Gott. Diese Freiheit macht die Würde des Menschen aus. Am Feiertag wird sie dadurch spürbar, dass ich für einen Tag herausgenommen bin aus dem Zwang zu funktionieren und dem Anspruch, unentwegt Leistung zu bringen. Ich bin überzeugt, dass eine von Gott abgekoppelte Würde des Menschen auf Dauer nicht wirklich tragfähig ist.

Ich setze darauf, dass dieser Feiertag ein Nachdenken über die hohe Bedeutung gemeinsamer  Feiertage in Gang bringt. Sie können eine befreiende und stärkende Wirkung auf die Menschen haben.

Wir sind als evangelische Kirche aber nicht in der Position, hier etwas durchsetzen oder Druck machen zu können. Eher wollen wir durch positive Erfahrungen den Gedanken stark machen, dass gemeinsame Feiertage zum Zusammenhalt der Gesellschaft beitragen können.

Am Dienstag wird sich neben anderen Religionsgemeinschaften auch die katholische Kirche durch Weihbischof Dieter Geerlings in der Christuskirche mitfeiern. Ist es mit den ökumenischen Beziehungen seit der Amtsübernahme durch Papst Franziskus wieder besser bestellt?

Ich kann davon berichten, dass im Kirchenkreis Recklinghausen schon seit vielen Jahren eine verlässliche und verbindliche Zusammenarbeit in der Ökumene besteht. Seit fast 40 Jahren betreiben wir gemeinsam die Telefonseelsorge, seit einigen Jahren die Notfallseelsorge. Gemeinsam veranstalten wir einmal im Jahr das Kirchliche Filmfestival. Viele Menschen mögen es und besuchen es. In seelsorglichen Diensten und in den Gemeinden feiern Christ*innen selbstverständlich gemeinsame Gottesdienste oder Bibelwochen für Kinder und Erwachsene oder singen in gemeinsamen Chören. Man kann sicher sagen: Die Menschen an der Basis sind in ihrem ökumenischen Denken und Fühlen meist viel weiter als die Leitenden auf den oberen Etagen.

Papst Franziskus ermutigt alleine durch seine Menschenfreundlichkeit und seine seelsorgliche Auslegung mancher Dogmen zum ökumenischen Handeln. Das ist gut und es wird uns helfen bei der schönen und schwierigen Aufgabe, die gute Botschaft, die auch uns von unseren Sorgen und unserem Kreisen um uns selbst befreit, immer wieder zu Gehör zu bringen und den Menschen ans Herz zu legen.

Praktisch alle Medien sind seit Jahren vor dem 31. Oktober voller Halloween-Meldungen. Manche evangelische Christen ärgert das. Sie auch?

Ich persönlich versuche, das mit einem Augenzwinkern zu nehmen. Wenn bei uns Zuhause am späten Nachmittag des Reformationstags gruselige Figuren anklingeln, bekommen sie – selbstverständlich – Lutherbonbons oder Lutherkekse geschenkt.

In diesem Jahr steht auf manchen Schildern an der Eingangstür von Geschäften: „Reformationstag: Geschlossen“. Auch auf diesem Weg kommt der Anlass des Feiertags gut in den Blick.

Mit einer gewissen Sorge betrachte ich allerdings rund um „Halloween“ die Auswüchse des Gruselns hin zum Horror – ins Bild gesetzt durch die sogenannten Horrorclowns, die mit der Angst von Kindern und Erwachsenen spielen. Vielleicht ist es ein Zeichen dieser Zeit, dass Angst und Furcht Hochkonjunktur haben.

Ich setze dagegen die Botschaft der Reformation: Du brauchst weder vor Gott noch vor den Menschen Angst zu haben! Unsere Aufgabe ist es, diese Botschaft überzeugend weiterzusagen.

Luther hat viel Schönes, Lustiges und auch Bewegendes gesagt oder geschrieben. Welches Zitat hat Sie beeindruckt?

Unter den vielen Zitaten gefällt mir dieses sehr gut, weil es die von Gott geschenkte Freiheit und die Verantwortung für die Nächsten gut auf den Punkt bringt. Es hat mich an vielen Stellen durch dieses Jubiläumsjahr begleitet:

Ein Christenmensch ist ein freier Herr und niemandem Untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan.“ (aus der Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ 1520)

Für den persönlichen Gebrauch versuche ich, mich an dies hier zu halten:

„Tritt frisch auf - tu’s Maul auf - hör' bald auf!“

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